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Kultur / Architektur / Denkmalschutz

 

Sabine Graf in Saarbrücker Hefte 112 "Wverloren" (zum Fassadenentwurf des 4. Pavillons von Michael Riedel 

 Zum Fassadenentwurf des 4. Pavillons von Michael Riedeler Gefühle zeigt, hat schon

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SZ 14.03.15 

„Das Museum aus der Mitte heraus denken“

Text für Fassadengestaltung noch offen – Stiftungschef Mönig zum Erweiterungsbau des Saarlandmuseums

Ein enthusiastisches Plädoyer für den Erweiterungsbau des Saarlandmuseums hielt dessen Chef Roland Mönig am Donnerstagabend in der Saarbrücker Union-Stiftung. Im Herbst soll es an der Baustelle weitergehen.

Von SZ-Redakteurin

Esther Brenner

Saarbrücken. Roland Mönig, nun seit gut einem Jahr Chef der Stiftung Kulturbesitz und so auch mit dem seit Jahren stockenden Erweiterungsbau des Saarlandmuseums befasst, schwärmt für „sein“ Museum. In einem gut bebilderten Vortrag in der Saarbrücker Union-Stiftung brachte er am Donnerstag den voll besetzten Saal auf den neuesten Stand in Sachen „Vierter Pavillon“ – einen Begriff übrigens, den Mönig vehement ablehnt. Für ihn ist es ein „Erweiterungsbau“ mit „enormen Möglichkeiten“, konzipiert für den Platzbedarf zeitgenössischer Kunstwerke.

Dass das Architektenteam Kuehn/Malvezzi den Eingang des Museums wieder an den ursprünglichen Ort zurückverlegt habe, hält er für essenziell: „Man muss das Museum aus der Mitte heraus denken, es entstehen so drei gleichberechtigte Flügel.“ Die Kritik eines Zuhörers an dem engen Entree relativierte Mönig zwar, räumte aber ein: „Ich hätte es so auch nicht gebaut, hätte ich frei planen können.“ Dennoch habe das Architektenteam zusammen mit dem Konzeptkünstler Michael Riedel eine faszinierende und funktionierende Lösung gefunden.

Höhepunkt des Vortrags: das umstrittene Fassadengestaltungskonzept von Riedel, der ursprünglich den Text einer Landtagsdebatte über den Vierten Pavillon für die Fassade nutzen wollte (wir berichteten). „Es geht hier nicht um den Inhalt des Textes, sondern um einen Text mit Bezug zum Museum“, erläuterte Mönig. „Wie andere Künstler beispielsweise Farbe benutzen, so benutzt Riedel Signal-Worte und Schriftzüge für seine Arbeit.“ Hier gehe es um Konzeptkunst, kein politisches Pamphlet. Ob es bei diesem Text bleibe, sei zudem noch nicht entschieden.

Anhand von Grafiken bemühte er sich, die Einbettung des Museumskomplexes ins Umfeld zu erklären. Denn der Grundriss „kriecht“ zum Teil die Fassade hoch und „greift sich das Museum“. Wenn alles gut laufe, könne im Herbst weitergebaut werden, gab sich Mönig optimistisch. 

 


 

 

Pingusson-Bau Ein Gebäude, in dem sich Europa spiegelt

Der Pingusson-Bau in Saarbrücken stand einst für kühne politische Visionen. Das Haus sieht noch schön aus, ist aber sanierungsbedürftig - gerade so wie die Europäische Union. Eine Ortsbegehung.

27.10.2014, von Nils Minkmar

© Heiko Lukas

Egal, wer hier Hausherr ist - der Pingusson-Bau in Saarbrücken bleibt ein funktionales, futuristisch inspiriertes Symbol für die neue europäische Demokratie.

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 „Sie werden sehen“, sagt der Experte vom saarländischen Denkmalschutz lachend, als er eine besondere Stahltür öffnet. „Sie werden sehen, dass Sie nichts sehen.“ In der Tat ist das ehemalige Dienstzimmer der saarländischen Kulturminister in eine totale Finsternis getaucht. Selbst wenn man etwas mit der Leuchtkraft eines Mobiltelefons herumfuchtelt: Man sieht nichts. Die Fenster mit Spanplatten abgedichtet, ebenso die kostbaren Steinwände. Man sieht keine Kunst mehr, keine Türen, Lampen und natürlich keine Möbel mehr. Selbst wenn man nicht besonders sentimental veranlagt ist, fällt es schwer, in diesem dichten Schwarz kein Symbol zu erkennen, denn dieser hohe, helle Raum - so oft fotografiert und als Kulisse für Filme genutzt - war immer mehr als eine Immobilie, er war ein Versprechen.

 Das Dekor und die Architektur stammten aus einer anderen Zeit und wirkten dabei dennoch zukünftiger, radikaler, moderner als die jeweilige Gegenwart. Das kleine Land war hier groß, der Welt zugewandt, und man konnte sich in der Illusion wiegen, dass die Welt gelegentlich herschaut. Auch in einem kleinen Bundesland kann ambitionierte Bildungspolitik gemacht werden, das war das Versprechen des Föderalismus. Auch hier, tief im Westen und hinter den sieben Bergen, wird es morgen besser werden, freundlicher, und die Politik, die hier gemacht wird, kann dazu beitragen.

Lange her. Nun ist das Ministerium ausgezogen, die weitere Nutzung des sanierungsbedürftigen Gebäudes ist unklar. Das schwarze Zimmer mutiert zu einem improvisierten Tresor, hier werden die mobilen Besonderheiten des Gebäudes eingelagert. Ein paradoxer Zustand: Eigentlich ist die gute europäische Zukunft, die in der Entstehungszeit des Gebäudes gewünscht und herbeibeschworen wurde, längst da. Es hat geklappt, Europa ist friedlich, frei und reich. Und trotzdem verlässt man diesen Raum ganz beklommen und in der Hoffnung, dass das kein Sinnbild sein möge.

Eine Art Monaco in der Kohleregion

Düster ist es ansonsten nicht, man kann voller Heiterkeit durch diese langen Gänge und weiten Hallen laufen, immer gibt es etwas zu entdecken. Bauherr war das Frankreich der fünfziger Jahre: Die verarmte und traumatisierte Republik hatte eine gewisse Hoffnung, dass an der Saar etwas Neues, ein europäisches, frankophiles Staatsgebilde entstehen könnte, die kleine und feine Keimzelle eines großen Europas unter französischer Aufsicht, so eine Art Monaco in der Kohleregion. Die Saar-Frage, dachte man in Paris, war offen genug, um zu versuchen, die Saarländer mit französischer Zivilisation, Kunst und Lebensart zu verführen, auf gut Deutsch würde man heute „Soft Power“ dazu sagen.

Das ganze Gebäude ist eine Quelle dafür, wie sich französische Eliten die Zukunft vorstellten, nach dem Krieg. Man wollte die Fehler der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg nicht wiederholen, statt Reparation und Repression sollte eine Renaissance der europäischen Kultur den Frieden sichern. Auf Luftaufnahmen der Bauphase kann man gut sehen, dass die Häuser drum herum noch zerstört waren. Die Heimkehrer und Vertriebenen wohnten in Baracken, ein heute unvorstellbares Elend. In dieser Situation ging der Auftrag für die neue Repräsentanz Frankreichs nicht an einen lokalen oder besonders günstigen Architekten, er ging an den besten: Georges-Henri Pingusson, Jahrgang 1894, hatte sich, in seinem Lebensstil wie seinen Leistungen, ganz der Avantgarde verschrieben. Er war Pilot, Sammler, Freund der interessantesten Künstler, ein Weggefährte von Le Corbusier und, was in Frankreich damals wie heute vor allem anderen zählt: Er bestand im Juli 1920 den Concours für die Architektenhochschule als Bester seines Jahrgangs.

Den Bau in Saarbrücken legte er parallel zum Fluss als Mischung aus mondänem Riviera-Hotel und Kreuzfahrtschiff an, mit einem Park, einem Pool und einer Küche, die höchsten gastronomischen Standards genügen konnte. Es gibt eine Dachterrasse, eine Lounge im siebten Stock und sogar eine Bibliothek. In der Dienstwohnung sind die Kanten der Möbel abgerundet, im privaten Arbeitszimmer wurden die Wände mit Leder bezogen, jedes Detail ist mit dem Grundgedanken eines funktionalen, aber auch futuristisch inspirierten und inspirierenden Symbols für die neue europäische Demokratie versöhnt.

Visionäre Kühnheit

Jeder Besucher stand zunächst einmal vor einem seltsamen Wandbild: Der Blick fällt auf einen offenen Horizont, links und rechts stehen filigrane Gerüste aneinandergereiht und verstärken die Sichtachse in die Ferne. Sie sehen aus wie die Masten von nebeneinanderliegenden Segelschiffen. Aber es sind Fördertürme: mit der Steinkohle in eine offene, helle Zukunft - das war die Botschaft des Bildes. Und man versteht: Die Männer, die dies konzipiert und errichtet haben, hatten wirklich etwas vor mit Europa. Und es muss auch daran erinnert werden, dass Frankreich damals nicht so war, wie es das Gebäude suggeriert: Es war eine intolerante Kolonialmacht, in der sich die Verbrecher der Vichy-Ära, die Milizionäre und Antisemiten, noch munter im öffentlichen Leben bewegten. Doch in diesem Gebäude wird alles auf Zukunft gesetzt, wohlwissend, dass solche visionäre Kühnheit nirgends eine Mehrheit gefunden hätte, weder an der Saar noch in Frankreich. Gut, dass es 1952 keine Hochgeschwindigkeitsdemoskopie gab.

So schnell und kühn, wie sie es sich vielleicht gedacht hatten, ging die Sache natürlich nicht. So schön der Bau war, die Saarländer folgten ihrer historischen Logik und stimmten dafür, das elfte Bundesland zu werden, vergaßen ihre Nationalhymne und die eigene Fußballmannschaft. Wenige Jahrzehnte später begann die lange Krise. Es wurde zu teuer, Kohle zu fördern, die Stahlproduktion verlangte immer weniger Personal, ein Mann namens Peter Hartz begann hier seine Karriere als findiger Illusionist der Arbeitsmarktpolitik.

So wurde Zeit gewonnen. Das Land wurde entschuldet, wieder wurde Zeit gewonnen. Nun aber ist doch so ein Punkt erreicht. Die Schuldenbremse schränkt jeden Spielraum ein, die ökonomische Basis des Landes ist nach wie vor zu schmal, das politische Gewicht gering. Die Ministerpräsidentin möchte gerne Hilfe für das Land, doch ihr Appell wird zunächst falsch verstanden, als plädierte sie dafür, ihr Bundesland in den benachbarten anderen aufgehen zu lassen wie eine Vitaminbrausetablette. Sie möchte natürlich das Gegenteil, denn eine Länderfusion wäre im Saarland ein politisches Projekt von ähnlicher Beliebtheit wie das Verbot privater Hundehaltung mit öffentlicher Welpenverbrennung - es gäbe einen Aufstand, verglichen mit dem die Proteste gegen „Stuttgart 21“ ein schwäbischer Laternenumzug waren.

 

© Heiko Lukas

Das elegant geschwungene Treppenhaus des Pingusson-Baus

imgTxtsize("aufmacherOverlay_cDie europäischen Regionen sind nicht bloß Märkte, sie formen die Identität der Menschen und lassen sich nicht nach Kassenlage neu aufzeichnen. Für die enge Verwobenheit des Saarlandes mit der europäischen Geschichte steht der Pingusson-Bau, mit dessen fachgerechter Sanierung und phantasievoller Nutzung das Land allein überfordert ist. Dem wohnt eine historische Logik inne, schließlich war das große Ensemble ja nicht als Generalkonsulat in einem Minibundesland konzipiert gewesen, sondern als europäische Repräsentanz. Aber woher kommt nun Geld und, mehr noch, auch eine Idee für den Bau, die Stadt und das Land drum herum? Damit ist es nun in der gleichen Zwickmühle, Gegenstand derselben Debatte, wie das gesamte europäische Projekt: Vernagelt und gesichert, aber im Herzen so schwarz.

Die perfekte Lektüre für eine Zugfahrt nach Saarbrücken ist daher das aktuelle Buch von Joschka Fischer: „Scheitert Europa?“ Der ehemalige Außenminister vermisst in der nun seit Jahren schwelenden europäischen Krise genau jene Anmut, die damals die Architekten und Planer der französischen Botschaft inspirierte. Die EU sei nur für schönes Wetter gebaut, so lässt sich die These Fischers zusammenfassen, doch seit der Finanzkrise von 2008, aus der eine Staatsschuldenkrise und in dieser Folge auch eine politische Krise Europas wurde, gehe es nicht vor und nicht zurück.

Fischer findet ein etwas altertümliches, aber auch ganz passendes Bild: Wie einer „Reisegruppe“, die beim Überqueren eines Flusses von einer Flutwelle überrascht wird, bieten sich drei Möglichkeiten - erst mal auf der Stelle verharren und strampeln, zurück zum Ausgangspunkt oder eben der kühne Weg durch die Fluten nach vorne. Man kann nun beim Lesen nicht umhin zu schmunzeln, weil man ahnt, welchen gestandenen deutschen Staatsmann der Autor wohl am ehesten in dieser Rolle eines europäischen Moses sehen würde; aber seine Analyse ist dennoch treffend. Er kontrastiert die „moralisch begründete“ deutsche Austeritätspolitik, die in europaweiter Stagnation und steigenden Arbeitslosenzahlen resultierte, mit der Nachkriegspolitik, welche die Alliierten gegenüber Westdeutschland und der Bundesrepublik praktiziert haben: Der Verzicht auf Reparationen und die konsequente Entschuldung auf der Londoner Konferenz waren die entscheidende Starthilfe für die junge Demokratie.

Eine üble Erfahrung

Stattdessen sind nun alle auch zweifelhaften politischen Eliten in ganz Europa in der Lage, als Grund für die arbeitsmarktpolitische Misere nach Berlin zu zeigen. Von deutscher „Soft Power“ ist zugleich nichts zu sehen und zu hören. Die deutsche Politik wird als entwürdigend und entmündigend erlebt - eine üble Erfahrung für die arbeitslosen jungen Nachbareuropäer.

Fischer betont, dass gerade das ängstliche, von entsprechenden Umfragen motivierte Schweigen der proeuropäischen Regierungen, die auf innenpolitische Wahltermine schielen und sich irgendwie über die Runden retten, dass es gerade dieses gesammelte Schweigen ist, welches die europafeindlichen, populistischen Parteien zu ihrem bunten Treiben einlädt.

 Der Erfolg von Ukip, dem Front National und der AfD beruht eben auch, so Fischer, auf der Zaghaftigkeit der öffentlichen Reden für Europa. Die EU werde nicht als ein Weg aus der gegenwärtigen Krise, sondern selbst als Krisenherd, Krisenursache und Krisengebiet verstanden, als ein ewiges Problem. Dieser zunehmenden Verengung des Blicks und der Verdunkelung der Horizonte aber könne man nicht mit einem geizigen Herzen begegnen.

Pingusson, seine Auftraggeber und die Männer, die den Bau dann hergestellt haben, trauten sich, mit öffentlichen Geldern in einem armen und elenden Land ein Ensemble von zukunftsfroher Extravaganz zu errichten. Ihr Politikberater hieß Saint-Exupéry: „Wenn Du die Männer dazu bringen willst, ein Schiff zu bauen, wecke in ihnen die Sehnsucht nach dem weiten blauen Meer.“ Warum sollte das heute nicht mehr möglich sein?

Quelle: F.A.Z.

  


 

SZ 18.2.2015 

Die ungenutzte Chance

Der Saarbrücker Pingusson-Bau dämmert vor sich hin – Buchvorstellung am Freitag

Am Freitag wird in Saarbrücken ein Buch vorgestellt, das erneut den Wert des sanierungsbedürftigen Ex-Kultusministerium darlegt. Dabei geht es auch auf einen in der Debatte erstaunlich unterbelichteten Aspekt ein.

Von SZ-Redakteur

Johannes Kloth

Saarbrücken. Man könnte die Situation so auf den Punkt bringen: Da steht in einer an bedeutsamen Bauwerken nicht übermäßig reichen Landeshauptstadt ein Baudenkmal von europäischer Bedeutung – und rottet vor sich hin. Welch ungenutzte Chance. Das Ensemble an der Stadtautobahn – unter französischer Verwaltung 1951-54 nach Plänen des Modernisten Georges-Henri Pingusson als Botschaft Frankreichs an der Saar errichtet – ist ein einmaliger Repräsentant einer nur zehn Jahre (1945-55) währenden, spannenden (und noch viel zu wenig erforschten) visionären Phase europäischer Nachkriegsgeschichte. In der das zerstörte Saarbrücken als mögliche Montanunion-Hauptstadt eine Schlüsselrolle spielte, für einen Moment gar an der Schwelle zu einer Zukunft als einer der modernsten Städte des Kontinents stand.

Und heute? Die Geschichte verlief bekannterweise anders. Aus der Botschaft wurde ein Kultusministerium, bis die Behörde im vergangenen Jahr auszog. Über Jahrzehnte wurde die sachgerechte Pflege des Gebäudes vernachlässigt, bis eine Grundsanierung unumgänglich schien. Nach kurzer, wie so oft hysterisch geführter Kostendebatte rief Finanzminister Stephan Toscani (CDU) im Herbst eine „ergebnisoffene Phase“ der Prüfung verschiedener Sanierungsoptionen aus. Sie dauert bis heute an. Fragt man dieser Tage im Ministerium nach, wird man auf ein ausstehendes Gutachten verwiesen, das bis Sommer fertig sein soll. Von ihm hänge, so heißt es, das weitere Vorgehen ab.

Es erstaunt immer wieder, welche Diskrepanzen in der Wahrnehmung und Bewertung des Baus herrschen: Einer relativ kleinen, engagierten Architekten- und Denkmalschützer-Lobby auf der einen Seite steht das verbreitete Desinteresse der „breiten Bevölkerung“ und großer Teile der Politik gegenüber. Die Gründe dafür sind vielfältig, reichen von einer jahrzehntelangen Tabuisierung der „Franzosen-Zeit“ im öffentlichen Diskurs bis zur (durchaus nachvollziehbaren) Verdrängung (bau-)kultureller Themen in einer von sozialen Problemen durchgeschüttelten Strukturwandel-Region. Zuletzt kam die zunehmende Reduzierung des Themas auf eine Kostenfrage dazu, die schließlich im verbrämt formulierten Vorschlag einer Zerstörung des Gesamt-Ensembles gipfelte („Teilsanierung“).

So sind es weiterhin Architekten, Denkmalschützer und Kunsthistoriker, die in Workshops, Ausstellungen und Publikationen darum kämpfen, den – nicht nur ideellen – Wert des Gebäudes im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. In diese Reihe verdienstvoller Aufklärungsarbeit gehört nun auch eine 128-seitige vom Werkbund und dem Institut für aktuelle Kunst im Saarland herausgegebene Publikation, die auf einer 2011 erschienenen Broschüre basiert. Sie ist ein erster wichtiger Schritt zur überfälligen Erforschung der Botschaft: Jede Menge historischer Fotos, Pläne und Skizzen machen darin die Entstehung des Baus und seine Umfeldentwicklung anschaulich; aktuelle Fotos zeigen, welch repräsentative Eleganz etwa das lichtdurchflutete Empfangsgebäude oder das einstige Botschafterbüro bis heute ausstrahlen.

Texte von Marlen Dittmann, Simon Texier und Axel Böcker beschreiben anschaulich das Gebäude mit seinen einzelnen Funktionen (Wohnen, Repräsentation, Arbeiten) und würdigen seine architektonische Qualität. Der lesenswerteste Beitrag – wie alle Texte in deutscher und französischer Sprache verfasst – stammt jedoch von Dietmar Kolling. Er rehabilitiert Pingussons lange verfemte Wiederaufbau-Pläne für Saarbrücken, deren Scheitern dem Bau der Botschaft vorausging. Pingusson sah angesichts der weitgehenden Zerstörung der Stadt die Chance, eine nach Arbeits-, Wohn-, Verkehrs- und Kultur-Einheiten getrennte „funktionelle Stadt“ umzusetzen, ohne historisch wertvolle Bausubstanz zu zerstören. Er scheiterte am Widerstand der Bevölkerung und der Stadtverwaltung, wofür es laut Kolling „durchaus nachvollziehbare“ Gründe gab – etwa finanzieller und baurechtlicher Art. Doch zeigt Kolling auch, dass es sich um die bis heute letzte übergeordnete Gesamtentwicklungsplanung der Stadt handelte, deren auch nur teilweise Umsetzung viele der haarsträubenden städteplanerischen Fehlentwicklungen der vergangenen Jahrzehnte verhindert hätte – von der Stadtautobahn, über die unstrukturierte Verbauung der Innenstadt bis zu ihrer miserablen Erschließung mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Vor eben diesem Hintergrund irritiert in der Debatte auch immer wieder die Herauslösung des Baus aus dem städtebaulichen Gesamtkontext – gerade auch bei vielen Fürsprechern. Pingussons humanen Vorstellungen vom Bauen steht die weitgehende Entwertung seines Botschaftsgebäudes durch eine monströse, lärmende Autobahn entgegen, die das Ensemble wie ein Messer aus der Stadt herausschneidet. Es fällt schwer, sich vorzustellen, wie man dem Gebäude Würde und Wert zurückgeben will, ohne eine zeitgemäße Verkehrsentwicklungsplanung.

Die Publikation „Die ehemalige Französische Botschaft in Saarbrücken von Georges-Henri Pingusson“ ist erhältlich unter www.galerie-st-johann.de

Buchvorstellung: Freitag, 18.30 Uhr, Kultusministerium, Alte Post (Triererstr. 33). 


SZ 15.10.2014 

 

„Es geht um Lage, Lage, Lage“

Denkmal-Experte Norbert Mendgen über das Problem des Saarbrücker Pingusson-Baus

Wie geht es weiter mit dem Gebäudekomplex des ehemaligen Kultusministeriums, der einstigen Französischen Botschaft im Saarland? In einem Workshop (siehe Info) wird morgen und übermorgen über die Frage der Sanierung und möglichen zukünftigen Nutzung des derzeit leerstehenden Gebäudes diskutiert. Der Architekt Norbert Mendgen, der 1985 als Leiter der Bau- und Kunstdenkmalpflege im Staatlichen Konservatoramt für das Saarland das Gebäude als Kulturdenkmal ausgewiesen hat, hält die Nutzungsfrage für zweitranging. Erst müssten die massiven städtebaulichen Probleme gelöst werden, sagt er im Gespräch mit SZ-Redakteur Johannes Kloth.

Sie haben das Kultusministerium 1985 unter Schutz gestellt – aus „geschichtlichen, künstlerischen, wissenschaftlichen und städtebaulichen Gründen“. Warum hat das Gebäude eine so große Bedeutung?

Mendgen: Zum einen gibt es kein Gebäude von einer ähnlich hohen politischen Bedeutung für das Land. Es steht für den wiederholten Versuch der Franzosen, das Saarland für sich zu gewinnen, und für eine Zeit, in der man über die künftige Bedeutung des Saarlandes für Europa diskutierte. Dazu kommt die architektonische Bedeutung: Pingusson war fraglos einer der wichtigsten Vertreter der französischen und internationalen Moderne.

Trotzdem wurde das Gebäude – offenbar selbst nach der Ausweisung als Denkmal – nicht regelmäßig saniert…

Mendgen: Richtig. Wer ein Haus besitzt, muss es kontinuierlich unterhalten, das ist eigentlich eine Binsenweisheit. Nun ist ein Sanierungsstau bei öffentlichen Gebäuden keine Seltenheit. Meiner Meinung nach hängt aber der schlechte Bauunterhaltungszustand des Botschaftsgebäudes vor allem mit seiner städtebaulichen Lage zusammen. Und die war meiner Meinung nach auch mit ein Grund, warum der Kultusminister ausgezogen ist. Ich bezweifele, dass der statische Zustand tatsächlich so schlecht ist, dass ein Auszug notwendig gewesen wäre. Das eigentlich Merkwürdige ist, dass man über Jahre hinweg nie auf die Idee kam, mal zu hinterfragen, was eigentlich schief läuft, wenn man ein solch bedeutsames, repräsentatives Gebäude über einen der Stadt abgewandten „Nebeneingang“ betreten muss.

Sie meinen den Eingang für den Büroteil der Botschaft am Ende des Hochhauses. Was ist denn aus Ihrer Sicht schief gelaufen?

Mendgen: Ein Immobilienmakler würde nur sagen: ‚Lage, Lage, Lage'. Und die Frage aufwerfen, wie sich das Objekt erschließen lässt. Es gibt einen Eingang mit dreiseitig umbautem Ehrenhof, einen architektonischen Außenraum der seines gleichen sucht! Doch er wird von der Autobahn versperrt, das Gebäude ist zur „Schallschutzwand“ degradiert und so – trotz der hochwertigen Architektur – unattraktiv. Außer Landesbediensteten, die dazu verdonnert werden, wird da niemand reinziehen.

Welche Lösungen gibt es?

Mendgen: Am besten wäre es natürlich – auch unabhängig von dem Gebäude –, die Autobahn loszuwerden. Ich plädiere für eine Südumfahrung (Verschwenkung der A 620), die in vielerlei Hinsicht zur städtebaulichen Aufwertung führen würde. Zumindest aber wäre eine Runterzonung auf 60 Stundenkilometer notwendig.

Beides steht derzeit nicht zur Debatte, stattdessen ein sogenannter „Teilabriss“…

Mendgen: Das ist abartig. Das Gebäude besteht aus vier Teilen mit verschiedenen Funktionen: Wohn-, Wirtschaftsteil, dem Eingang mit Ehrenhof und Repräsentationsteil mit den Arbeitsräumen der ehemaligen Botschaft und dem hohen Büroteil. Einen Teil abzureißen käme dem Gesamtverlust gleich. Als es um die Erhaltung des Saarbrücker Schlosses ging, das auch in Teilen statisch unsicher war, kam zum Glück keiner auf die Idee, einen Teil abzureißen. Und die Kosten? Heute spricht man nur noch über die beispielhafte Qualität des Projektes, zu Recht.

Die Sanierung kostet 30 bis 40 Millionen Euro. Kann sich das Saarland das leisten?

Mendgen: Die Summe ist nicht das Problem. Entscheidend ist die Frage: Wem ist es das Geld wert und wessen Geld ist es? Es ist ein Gebäude von herausragender Bedeutung und Qualität. Wäre das Verkehrsproblem gelöst, wären 40 Millionen Euro nicht viel. Dann wäre es auch deutlich leichter, für die Sanierung entsprechende Geldgeber mit ins Boot zu holen. Foto: privat

 

Auf einen Blick

 

Der von Georges-Henri Pingusson als Französische Botschaft entworfene Gebäudekomplex ist als einziger Teil einer städtebaulichen Gesamtplanung Pingussons heute noch erhalten. Ab 1960 war das Gebäude Sitz des Kultusministeriums. Im April 2014 zog das Ministerium wegen Sanierungsbedarfs in die Alte Post am Hauptbahnhof. Seither steht das Gebäude leer. Ob, wann und in welchem Umfang es saniert wird, ist noch unklar.

Unter der Federführung des Deutschen Werkbundes Saar findet morgen und übermorgen im Gebäude der interdisziplinär besetzte Workshop „Es lohnt sich“ statt. Hier sollen Ideen für eine Nachnutzung des Ensembles, insbesondere des Hochhauses, gesammelt werden. Die Ergebnisse werden am Freitag, 14 Uhr, präsentiert. jkl